{"id":1004,"date":"2023-03-22T15:42:21","date_gmt":"2023-03-22T15:42:21","guid":{"rendered":"https:\/\/hanyan.pixxel-network.de\/?p=1004"},"modified":"2023-06-27T16:54:13","modified_gmt":"2023-06-27T16:54:13","slug":"eine-kuehne-reisende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/eine-kuehne-reisende\/","title":{"rendered":"A Bold Traveller"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Eine k\u00fchne Reisende<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Interview mit Gretta Louw<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\">Han Yan<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ort: Brown\u2019s Tea Bar, M\u00fcnchen<br>Zeit: 12. Juli 2016<br>Interviewerin (I): Yan Han<br>K\u00fcnstlerin (K): Gretta Louw<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich traf Gretta zum ersten Mal im Dezember 2015 in den R\u00e4umen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst \u201ePLATFORM M\u00fcnchen\u201c.&nbsp;&nbsp;Sie hatte zusammen mit Helen Varley Jamieson eine Diskussionsrunde zum Thema Cyberperformance organisiert. Au\u00dferdem pr\u00e4sentierte bei dieser Gelegenheit Annie Abrahams, eine der Net Performance Pionierinnen, ihre Werke. An diesem Abend konnten wir nur kurz sprechen. Doch in der Folge befasste ich mich n\u00e4her mit Grettas Arbeit. Sie konzentriert sich seit Langem auf die Cyber World und versucht, die dahinterstehenden psychologischen Mechanismen zu erforschen. Nachdem ich sie n\u00e4her kennengelernt hatte, nannte ich sie f\u00fcr mich \u201eEine k\u00fchne Reisende\u201c. Dieser Name sagt eine Menge aus \u2013 nicht nur \u00fcber ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen, sondern auch \u00fcber den Inhalt ihrer Kunst.<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 1: Von der Psychologin zur K\u00fcnstlerin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Warum hast Du an der University of Western Australia Psychologie studiert?<br><strong>K:<\/strong> Ich habe mich immer f\u00fcr Menschen interessiert. Wird das Menschsein durch einen inneren Prozess definiert? Wie funktioniert er? Solche Fragen fesseln mich.&nbsp;<br><br><strong>I:<\/strong> Hat Dir das Studium gefallen?<br><strong>K:<\/strong> Unbedingt! Ich habe im Laufe meines Studiums viel gelernt, zum Beispiel, kritisch zu denken, wie man ein Experiment entwirft, Forschungsmethoden und \u00c4hnliches.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Hast&nbsp;Du&nbsp;nach deinem Studium in diesem Bereich gearbeitet?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Ja, ich habe ein Jahr lang als Krisenhelferin bei einer Organisation gearbeitet, die sich die Selbstmord-Pr\u00e4vention zur Aufgabe gemacht hat.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Warum hast&nbsp;Du&nbsp;dann beschlossen, K\u00fcnstlerin zu werden?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> W\u00e4hrend meines fr\u00fcheren Jobs stellte ich mir die Frage, wie psychische Erkrankungen diagnostiziert werden und welchen Einfluss die Psychologie \u2013 so wie sie im Moment ausge\u00fcbt wird \u2013 auf unsere Gesellschaft hat. Ich bin viel gereist und habe in verschiedenen L\u00e4ndern gelebt. Dabei war ich auf der Suche nach einem anderen Zugang: Ich wollte mich mit denselben Problemen auseinandersetzen, aber auf eine ganz besondere Art.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Hast Du diese Herausforderung als schwierig erlebt?<br><strong>K:<\/strong> Ich komme aus einer Familie von Sportlern. Als Jugendliche nahm ich an Wettk\u00e4mpfen im Schwimmen teil, daher konnte ich mir damals nicht vorstellen, dass ich einmal die Kunst zu meinem Beruf machen w\u00fcrde. Andererseits versuchte ich auch fr\u00fcher schon, mich k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken. Ich besuchte zahlreiche Zeichen- und&nbsp;\u00d6l-Mal-Kurse&nbsp;an verschiedenen Orten. Kunst war immer ein Teil meines Lebens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Diese \u201eReise\u201c zwischen zwei verschiedenen Sph\u00e4ren ist eine Erfahrung, die Gretta entscheidend gepr\u00e4gt hat. W\u00e4hrend unseres zweist\u00fcndigen Interviews war sie \u00e4u\u00dferst fokussiert und antwortete rasch auf meine Fragen. Sie hat eine feste Stimme und klare Gedanken. M\u00f6glicherweise sind das ihre Erfahrungen in Psychologie, die ihre Vorgehensweise stark beeinflussen, oder umgekehrt.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 2: Von Australien nach Deutschland<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Deine Heimat befindet sich in einer anderen Hemisph\u00e4re. Wie ist es um die zeitgen\u00f6ssische Kunst in Australien bestellt? Spielt Eurozentrismus eine gro\u00dfe Rolle?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Der Mainstream leidet unter dem Eurozentrismus, aber gleichzeitig existieren verschiedenste Ans\u00e4tze. So gibt es etwa Biennalen und Triennalen, deren Fokus auf asiatischer, australischer, indigener oder Kunst aus dem Pazifikraum liegt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Wie kamst&nbsp;Du&nbsp;zu dem Entschluss, von Australien nach Deutschland zu ziehen? Was hat dieser Schritt f\u00fcr Dich bedeutet?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Als ich anfing zu zeichnen, sah ich mich nicht als Malerin oder K\u00fcnstlerin. Doch als ich 2007 nach Berlin kam, wurde mir klar, dass das, was ich in Australien gemacht hatte \u2013 meine Erfahrungen mit Psychologie \u2013 durchaus mit Kunst zu tun hatten. Sie stellten die perfekte Grundlage f\u00fcr meine T\u00e4tigkeit dar. Eine K\u00fcnstlerin zu sein bedeutet nicht nur, die Welt bildlich darzustellen, sondern au\u00dferdem, sie als Forscherin und Aktivistin zu hinterfragen. Ich habe lange Zeit gebraucht, um mich selbst zu definieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Magst&nbsp;Du&nbsp;mir ein wenig von deinem k\u00fcnstlerischen Werdegang in Berlin erz\u00e4hlen?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Als ich 2007 dort ankam, waren elektronische Musik und zeitgen\u00f6ssische Kunst die dominierenden Themen in der Stadt. Damals malte ich noch, aber ich f\u00fchlte mich von meiner Umgebung nicht inspiriert. Daher organisierte ich mir ein billiges Studio im ehemaligen Niemandsland, wo die Berliner Mauer gestanden hatte. Ein Jahr lang produzierte ich ausschlie\u00dflich Werke in schwarz-wei\u00df, wobei ich innerhalb dieses Rahmens alle m\u00f6glichen Materialien verwendete. Es gen\u00fcgte mir nicht, rein dekorative Werke zu schaffen. Deshalb verlegte ich mich auf schwarz-wei\u00df Fotografien, die ich in Serie erschuf. Die nat\u00fcrliche Fortsetzung davon waren animierte GIFs. So wurde dieses Jahr, das ich alleine in meinem Studio (und in den Berliner Museen und Galerien) verbrachte, mein Kunststudium.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Was hat Dich an der Berliner Kunstszene am meisten beeindruckt?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Ich habe Berlin 2011 verlassen. Zu dieser Zeit waren kleine Projektr\u00e4ume in der Stadt \u00e4u\u00dferst beliebt. Dort fanden zahlreiche intellektuelle Aktivit\u00e4ten statt. Das hat mir sehr gefallen. Die Arbeit im Kulturzentrum \u201eArt Laboratory Berlin\u201c war ein wichtiger Wendepunkt f\u00fcr mich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong>&nbsp;Du&nbsp;hast dann drei Jahre in Mannheim gelebt. Wie hast du die k\u00fcnstlerische Stimmung dort erlebt?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Obwohl die Stadt von Industrie dominiert wird, kenne ich dort einige Leute, die ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst haben, wie zum Beispiel Benedikt Stegmayer, den Kurator und Kunsthistoriker, der damals Leiter der Mannheimer Stadtgalerie war. Wir haben gemeinsam einige Projekte realisiert, 2014 erhielt ich den Heinrich Vetter Preis der Stadt Mannheim. Ich bin dankbar f\u00fcr all die Unterst\u00fctzung, die mir diese Stadt zuteilwerden lie\u00df. Diese drei Jahre waren sehr wichtig f\u00fcr meine Karriere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> In einem Dokumentarfilm gibt Sally Mann jungen Leuten folgenden Rat: Verreist nicht so viel, bleibt zuhause und konzentriert euch auf eure Umgebung, dann werdet ihr gro\u00dfe K\u00fcnstler. Bist Du auch dieser Meinung?\u00a0<br><strong>K:<\/strong> Ich denke, Sally Mann meint damit, dass K\u00fcnstler heutzutage nicht nach New York oder Berlin ziehen m\u00fcssen. Man kann als K\u00fcnstler auch in einer kleinen Stadt leben, dort arbeiten und sich \u00fcber Social Media ein Netzwerk aufbauen. Dadurch haben K\u00fcnstler mehr Freiheiten.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Und jetzt hast du dich in M\u00fcnchen niedergelassen. Welchen Eindruck hast Du von der Stadt in k\u00fcnstlerischer Hinsicht?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Ich finde M\u00fcnchen ganz gro\u00dfartig. Ich kenne einige Medienk\u00fcnstler hier in der Stadt und wir tauschen uns \u00fcber unsere Ideen aus. Das bedeutet mir sehr viel. Es gibt fantastische Museen wie das Haus der Kunst, das Museum Brandhorst, die Sammlung Goetz und andere. Allerdings fehlen Projektr\u00e4ume wie es sie in Berlin gibt, die als kleine, professionelle Institutionen fungieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Grettas Worte bringen mich dazu, dar\u00fcber nachzudenken, welche kulturellen Einrichtungen wir in Zukunft brauchen werden. Gibt es dann noch Bedarf an gro\u00dfen Museen, die die Geschichte der Menschheit bewahren? Orhan Pamuk hat 2016 im Rahmen der Konferenz ICOM (International Council of Museums) die Idee ver\u00f6ffentlicht, dass wir k\u00fcnftig kleine Museen brauchen werden, die sich individuellen Geschichten widmen und nicht der nationalen Historie. <em><a href=\"https:\/\/www.hanyan.de\/articles-%E6%96%87%E7%AB%A0\/interviews-with-artists-%E8%AE%BF%E8%B0%88\/gretta-louw\/#_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;<\/em>Grettas Ansichten zu kulturellen Institutionen decken sich in weiten Teilen mit denen von Pamuk.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Reisende hat Gretta auf der ganzen Welt ihre Spuren hinterlassen. Besonders ber\u00fchren mich ihre Fu\u00dfspuren quer durch Deutschland von Osten nach Westen. Sie vermitteln einen \u00dcberblick \u00fcber die zeitgen\u00f6ssische Kunst in diesem Land. Und \u2013 was noch wichtiger ist \u2013 sie k\u00f6nnen uns helfen, zu verstehen, dass sich nationale Kunstgeschichte aus den pers\u00f6nlichen Erfahrungen individueller K\u00fcnstler zusammensetzt.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 3: Aus dem Virtuellen in die Realit\u00e4t.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>2011 gab es im Berliner Art Laboratory eine Performance von Dir mit dem Titel&nbsp;<em>Controlling_connectivity<\/em> (Abb.1). Kannst Du von den Urspr\u00fcngen dieses Projekts erz\u00e4hlen?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Ich fragte mich, wie sich unsere Kommunikation und unsere Beziehungen seit der Einf\u00fchrung von Facebook 2004 und vor allem mit seiner verst\u00e4rkten Nutzung seit 2007 ver\u00e4ndert haben. Es gab damals ja durchaus die Erwartungshaltung, dieses soziale Medium w\u00fcrde die Welt erneuern und diverse Abl\u00e4ufe, Regierungen und Bewegungen demokratischer machen. Tats\u00e4chlich aber basiert diese Plattform auf einem profitorientierten Sammeln von Daten, das nationalen \u00dcberwachungsbeh\u00f6rden in die H\u00e4nde spielt. Meine erste Frage war daher, welche Auswirkungen diese neue Technologie auf uns alle hat. Studien zeigen, dass es neurologische Ver\u00e4nderungen unseres Gehirns zur Folge hat, wenn wir acht Stunden am Tag im Internet surfen. Aber alles, was man acht Stunden am Tag macht, sei es Schachspielen oder Autofahren, wird das Gehirn ver\u00e4ndern \u2013 das ist eine Grundpr\u00e4misse der Neuroplastizit\u00e4t. Daher entwickelte ich eine Art Selbstexperiment. <em>Controlling_connectivity&nbsp;<\/em>wurde zu einer zehnt\u00e4gigen Online-Performance. Ich wohnte in einer kleinen White Cube-Galerie ohne Tageslicht oder Besucher. In dieser Zeit kommunizierte ich nur \u00fcber Social Media und war auf diesem Weg 24 Stunden am Tag erreichbar. Das war die Grundidee des Projekts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-1 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"467\" height=\"700\" src=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_conconn_exhib.jpg\" alt=\"pic.1, installation view,  &quot;Controlling_Connectivity&quot;, Art Laboratory Berlin. photo: Tim Deussen, Fotoscout\" class=\"wp-image-128\" srcset=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_conconn_exhib.jpg 467w, https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_conconn_exhib-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup><sub>Abb.1, Ausstellungsansicht,  <em>Controlling_Connectivity<\/em>, Art Laboratory Berlin. Foto: Tim Deussen, Fotoscout<\/sub><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"787\" height=\"1181\" src=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_Materiality-of-the-Internet-1.jpg\" alt=\"&quot;Materiality of the Internet&quot;, installation using found servers and cables, pins, nylon, 2015. Photo courtesy of Trommeter-Szabo Photography.\" class=\"wp-image-130\" srcset=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_Materiality-of-the-Internet-1.jpg 787w, https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_Materiality-of-the-Internet-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_Materiality-of-the-Internet-1-682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_Materiality-of-the-Internet-1-768x1152.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 787px) 100vw, 787px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup><sub>Abb.2, Ausstellungsansicht,  <em>Materiality of the Internet<\/em>, Installation mit gefundenen Servern, Kabeln, Pins und Nylon, 2015.  Foto: Trommeter-Szabo Photography<\/sub><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Hat die Performance Deine Erwartungen erf\u00fcllt?&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Eigentlich hatte ich gar keine klar definierten Erwartungen, sondern war offen f\u00fcr alles. Der ganze Prozess war \u00e4u\u00dferst interessant, denn es traten ganz verschiedene Menschen mit mir in Kontakt. Sie stellten viele Fragen, die meisten davon \u00e4u\u00dferst intelligent und herausfordernd. Aber nat\u00fcrlich gab es auch unangenehme Momente. Ich wollte wissen, wohin das alles f\u00fchren w\u00fcrde. L\u00e4sst sich Kommunikation ins Unendliche ausdehnen? Wie f\u00fchlt sich diese Art von Dystopie an? Was, wenn sie endlos ist?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Hast Du vor der Umsetzung des Experiments eine gewisse Zielgruppe definiert?&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Nein, \u00fcberhaupt nicht. Ehrlich gesagt hatte ich mit mehr sexueller Bel\u00e4stigung gerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Tats\u00e4chlich?<br><strong>K:<\/strong> Ja. Aber es war weniger als bef\u00fcrchtet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> W\u00fcrdest Du das als gutes Zeichen deuten?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> In diesem Zusammenhang war es eine positive Erfahrung. Seitdem habe ich eine bessere Meinung von der menschlichen Natur (lacht).&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Das ist \u00e4u\u00dferst interessant. Denn die meisten Deiner Werke kann man als Kritik am Internet und an den sozialen Medien sehen. Aber dieses Projekt stellt einen optimistischen Blick auf die menschliche Natur dar. Ein altes, ber\u00fchmtes, chinesisches Lehrgedicht, der Drei-Zeichen-Klassiker, besagt: \u201eAm Anfang ist der Mensch gut.\u201c<br><strong>K:<\/strong> Genau! Das Internet ist heutzutage so ein wichtiges Mittel der Recherche. Themen wie Sexismus, Rassismus und Intersektionalit\u00e4t werden in den etablierten Medien zu wenig behandelt oder diskutiert. Aber man kann intensive Recherchen auch online betreiben: \u00fcber Social Media (vor allem Twitter) kann man jederzeit Menschen finden, um mit ihnen diese Themen zu diskutieren. Au\u00dferdem kann man ausf\u00fchrliche Kommentare lesen. Das ist wesentlich direkter und meistens auch zukunftsorientierter als das, was die Medien zu bieten haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I: <\/strong>Das f\u00fchrt uns zu einem anderen Thema \u2013 der Zensur. Ein Beispiel: die Situation hat sich radikal ge\u00e4ndert, seit der Einf\u00fchrung von&nbsp;<em>WeChat<\/em>&nbsp;2011 in China. Informationen, die \u00fcber dieses Medium ver\u00f6ffentlicht werden, verbreiten sich mit rasender Geschwindigkeit. Auf diese Weise ist es wesentlich schwieriger, die Wahrheit zu vertuschen, als in der Vergangenheit, in der strenge Zensur herrschte.&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> In diesem Fall ist es gut, wenn Menschen die Obrigkeit herausfordern. Das ist eindeutig die positive Seite von Social Media. Man kann seine eigenen Gedanken formulieren und mit denen anderer verkn\u00fcpfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Jetzt w\u00fcrde ich gerne \u00fcber&nbsp;<em>The Cloud<\/em>&nbsp;(Abb.3) sprechen. Im Kontext der klassischen Kunstgeschichte symbolisiert eine Wolke den Himmel. Sie ist eine Metapher f\u00fcr eine Utopie, die nicht wirklich existiert.&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Richtig. Ich wollte diese Hochglanzbilder dekonstruieren, die uns strategisch pr\u00e4sentiert werden, um uns vermeintlich glamour\u00f6se Produkte zu verkaufen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Denkst Du dabei an Marketingstrategien um das sogenannte Cloudcomputing?<br><strong>K: <\/strong>Ja, genau. Daf\u00fcr ist unser Smartphone ein gutes Beispiel. Was befindet sich im Inneren des Apparates und wie funktioniert es? Wo befinden sich meine Daten? Wie werden sie aufbewahrt und wohin werden sie \u00fcbertragen? Solche allgemeinen Fragen sind f\u00fcr den durchschnittlichen Nutzer nicht zu beantworten. Aber man w\u00fcrde einer Bank keine Wertgegenst\u00e4nde anvertrauen, ohne zu wissen, in welchem Safe sie dort aufbewahrt werden. Doch Marketingstrategien wie Design, Pr\u00e4sentation und Vertrieb lassen all diese Gedanken hinter einer keimfreien Hochglanzfassade verschwinden. Die Pr\u00e4sentation von \u201eCloud\u201c oder Cyberspace als k\u00f6rperloser, immaterieller Welt \u2013 wie eine Wolke \u2013 verhindert, dass die Menschen hinterfragen, was wirklich mit ihren Daten passiert oder wer eigentlich ihr iPhone hergestellt hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Du h\u00e4ltst das Internet nicht f\u00fcr eine virtuelle Welt?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Nein, \u00fcberhaupt nicht. Viele K\u00fcnstler erforschen die Dinglichkeit des Internets, wie zum Beispiel Ben Mendelsohn in seinem Projekt&nbsp;<em>Bundled, Buried and Behind Closed Doors \u2013 Geb\u00fcndelt, begraben und hinter verschlossenen T\u00fcren&nbsp;<\/em>oder Timo Arnall mit&nbsp;<em>Internet Machine<\/em>. Ihre Arbeiten enth\u00fcllen, dass das Internet durchaus greifbar und sichtbar ist. Das ist ein Aspekt. Aber es gibt auch noch eine andere, neue, realistische Sichtweise, die davon ausgeht, dass alles, was man wahrnehmen kann real ist. So gibt es zum Beispiel Studien zu Facebook-Kommentaren, die besagen, dass dadurch eine neurologische und chemische Ver\u00e4nderung im Gehirn des Nutzers ausgel\u00f6st wird. Unser Leben wird tats\u00e4chlich davon beeinflusst. Und so gesehen ist das Internet real und alle unsere Interaktionen darin sind es ebenfalls.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Hattest Du urspr\u00fcnglich geplant, f\u00fcr&nbsp;<em>The Materiality of the Internet<\/em>&nbsp;(Abb.2) einen Server zu installieren, aus dem zahlreiche Kabel quellen? War das eine \u00e4sthetische oder eher eine substantielle Entscheidung?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Beides. Beim Erschaffen von Kunst gibt es naturgem\u00e4\u00df \u00e4sthetische Elemente und Entscheidungen. In dieser Installation wollte ich zeigen, aus was sich dieses Medium zusammensetzt: es ist nicht k\u00f6rperlos oder abstrakt, sondern besteht aus einer Menge an Materialien und Ressourcen. Ich glaube, dass Menschen beim Anblick der greifbaren, physischen K\u00f6rperlichkeit des Internets anfangen, den Einfluss von technologischem \u201eFortschritt\u201c neu zu \u00fcberdenken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"750\" height=\"467\" src=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_the-cloud.jpg\" alt=\"The Cloud', digital collage using found images marketing cloud computing, 2014, \u00a9 Gretta Louw\" class=\"wp-image-131\" srcset=\"https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_the-cloud.jpg 750w, https:\/\/www.hanyan.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Louw_the-cloud-300x187.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sub>Abb. 3, <em>The Cloud,<\/em> digital Collage mit gefundenen Bildern, 2014<\/sub><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:&nbsp;<\/strong><em>The Cloud<\/em>&nbsp;(Abb.3) ist eine Collage, die fast ausschlie\u00dflich aus Werbeanzeigen f\u00fcr Cloudcomputing besteht. Wie ist diese Idee entstanden?&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Die Art, wie diese Strategie dargestellt wird, ist absurd und l\u00e4cherlich. Mit meiner Arbeit m\u00f6chte ich in das Thema einhaken, um sicherzustellen, dass gewisse Aspekte nicht l\u00e4nger \u00fcbersehen werden. Der Betrachter kann innehalten und dar\u00fcber nachdenken, welche Auswirkung diese Technologie auf uns alle hat. Heutzutage l\u00e4uft alles intuitiv, beinahe automatisch ab; unsere Ger\u00e4te, die grafische Benutzeroberfl\u00e4che. Die Bilder, die die Werbung im Bezug auf Cloudcomputing verwendet \u2013 Cartoon-Wolken, leuchtende Server, die im Himmel schweben, wei\u00dfe H\u00e4nde, die \u00fcber beleuchtete Displays streichen \u2013 stehen in krassem Gegensatz zu dem eigentlichen Produkt. Aus diesem Grund verwendete ich Abbildungen, die ich im Internet fand und vervielf\u00e4ltigte, \u00fcberzeichnete und betonte sie, um diese Absurdit\u00e4t, an die wir uns so gew\u00f6hnt haben, sichtbar zu machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Was ist Deiner Meinung nach der grundlegende Spirit des Internets?&nbsp;<br><strong>K:<\/strong> Wow, schwierige Frage. Ich denke, heutzutage versuchen all die wichtigen Drahtzieher ihre eigene Insel im Internet zu etablieren; ihre eigene Nation. Wir erleben eine geheime Schlacht der riesigen digitalen Imperien und m\u00fcssen den kolonialistischen Aspekt dieser Eigentumsverh\u00e4ltnisse diskutieren \u2013 Apple ist hier wahrscheinlich der gr\u00f6\u00dfte \u00dcbelt\u00e4ter. Ein wichtiges Thema ist au\u00dferdem der massive Einfluss, den sie auf uns haben, indem sie unsere Online-Aktivit\u00e4ten verfolgen, wie das zum Beispiel bei Facebook der Fall ist. Google dagegen versucht nicht nur das Netz zu besitzen, sondern au\u00dferdem Autos, B\u00fccher, Reisen ins All. Damit wollen sie im Grunde ihren Einflussbereich derart vergr\u00f6\u00dfern, dass sie die ganze Welt schlucken. All das sind Beispiele f\u00fcr kolonialistische Macht, den Aufbau von neuen \u201eNationen\u201c und das rasende Wachstum von neuen Superm\u00e4chten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Ein neues Kolonialzeitalter.&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Ja, absolut \u2013 obwohl wir den Kolonialismus vergangener Zeiten auch noch nicht wirklich losgeworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> Dabei geht es nur darum, m\u00f6glichst Geld zu verdienen. Den Firmen ist es egal, was wirklich auf ihren Plattformen passiert.&nbsp;<br><strong>K: <\/strong>Genau. Das ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie wir als K\u00fcnstler und Aktivist die Gelegenheit nutzen k\u00f6nnen, um Dinge zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I:<\/strong> K\u00f6nntest&nbsp;Du&nbsp;das noch etwas konkretisieren?<br><strong>K:<\/strong> Marc Garrett spricht \u00fcber das Konzept der Kultur-Hacker. Das ist eine gro\u00dfartige Bezeichnung f\u00fcr ganz normale Menschen, die existierende Technologien und Plattformen f\u00fcr ganz neue Zwecke nutzen. Denn nicht jeder hat die F\u00e4higkeiten oder die Mittel, um eine neue technologische Struktur zu entwickeln. Aber wir k\u00f6nnen uns bestehende Mechanismen und Technologien zu eigen machen. Dabei k\u00f6nnen wir neue Wege entdecken, wie wir die eigentliche Anwendung untergraben und an unsere eigenen Anforderungen anpassen k\u00f6nnen. Twitter ist daf\u00fcr ein hervorragendes Beispiel. Wie jede andere Social Media Plattform wurde Twitter daf\u00fcr entworfen, um von Nutzern erzeugte Inhalte rechtswidrig zu missbrauchen und damit Profit zu machen. Mit Letzterem war es (bisher) noch nicht so erfolgreich, aber die Plattform hat bei der Entwicklung von vielen der interessantesten politischen und philosophischen Bewegungen der letzten Zeit eine zentrale Rolle gespielt \u2013 vom&nbsp;<em>Arabischen Fr\u00fchling<\/em>&nbsp;hin zu&nbsp;<em>Occupy Wall Street<\/em>, #<em>Black lives matter&nbsp;<\/em>und<em>&nbsp;#SOSBlakAustralia<\/em>.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unser Gespr\u00e4ch endete nach zwei Stunden, denn Gretta musste ihren Sohn vom Kindergarten abholen \u2013 ihre Verwandlung von der K\u00fcnstlerin zur Mutter. Ich bin mir sicher, auch zu diesem Thema h\u00e4tte sie einiges zu sagen.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir leben in einer Zeit, in der das Kapital den Kunstmarkt manipuliert. Daher ist das Leben als K\u00fcnstler heutzutage vielleicht schwieriger als je zuvor in der Geschichte. Aber Gretta kennt ihre Bestimmung. Ohne Z\u00f6gern oder Zweifel ist sie eine Reisende zwischen verschiedenen Dimensionen. Sie hat einen erstaunlich klaren Einblick in unsere Gesellschaft und die menschliche Natur. Und das vermittelt auch ihr Werk.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"https:\/\/cms17.website-start.de\/app\/206468737\/403316\/#_ftnref1\">[1]<\/a>&nbsp;Sheng, Wenjia (\u00dcbersetzerin, Herausgeberin),&nbsp;<em>From Epic to Novel, Orhan Pamuk\u2019s Manifesto of Future Museums<\/em>, Tanchinese, July 09, 2016. Zitat wurde von der Autorin \u00fcbersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine k\u00fchne Reisende Interview mit Gretta Louw Han Yan Ort: Brown\u2019s Tea Bar, M\u00fcnchenZeit: 12. Juli 2016Interviewerin (I): Yan HanK\u00fcnstlerin (K): Gretta Louw Ich traf Gretta zum ersten Mal im Dezember 2015 in den R\u00e4umen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst \u201ePLATFORM M\u00fcnchen\u201c.&nbsp;&nbsp;Sie hatte zusammen mit Helen Varley Jamieson eine Diskussionsrunde zum Thema Cyberperformance organisiert. Au\u00dferdem pr\u00e4sentierte bei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1004","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interviews"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1004"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1004"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1004\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1124,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1004\/revisions\/1124"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hanyan.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}